Wie Kommilitonen wohnen

Wohnformen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Von Frauenpower, über Vater-Tochter-Beziehung bis hin zum Hipster-Dasein. Fünf Studenten gewähren Einblick in ihr WG-Leben. Von Jan Hoefliger und Flavia Riedi

Spieglein, Spieglein...

Spieglein, Spieglein…

DIE GIRLIE-WG. Kaum hat man die WG betreten, schaut nach links ins Badezimmer und schon wird einem klar: hier leben Mädels. Nicht nur der knallig pinke Duschvorhang hat sie verraten, sondern auch die unzähligen Parfums, Gesichtscrème, und Dutzende andere Tuben. Denn an solch einem Vorhang kann nur das weibliche Geschlecht gefallen finden. Hinter den blauen Zimmertüren verbergen sich die eigenen vier Wände von Marina Veselcic und ihrer Freundin.

Die zwei Studentinnen kennen sich aus der Kanti-Zeit und wohnen nun bereits ein Jahr zusammen. Und es funktioniert! Marina beschreibt das Leben mit ihrer Freundin als sehr lebhaft. An jedem Tag wird zusammen gelacht. Wenn es zeitlich passt, kochen sie zusammen und beim gemütlichen Essen wird ausgelassen getratscht und die neusten Lästereien ausgetauscht. Marina ergänzt grinsend, sie seien «faire Lästerinnen» und aus dem Grund sei es nicht allzu fies. Die unter Frauen weit verbreitete Krankheit, der Zickenterror, sei bei ihnen zum guten Glück kein Thema. Ihr Rezept: Manchmal auch getrennte Wege gehen. Auch wenn sie viel zusammen sind, verbringen sie gerne Zeit ohne einander. Ob alleine im Zimmer, mit verschiedenen Freunden im Ausgang oder am Wochenende zu Hause. Ein gesunder Mix ist entscheidend und sorgt für echte Frauenpower in dieser St.Galler Wohngemeinschaft.

 

Männer an den Herd

Männer an den Herd

DIE MÄNNERBUDE. Schon nur der Ausdruck alleine lässt bei den meisten die Alarmglocken läuten. Und das kommt nicht von ungefähr, denn hinter einer solchen Haustüre verbirgt sich, zumindest für das weibliche Geschlecht, oft der absolute Albtraum. Dort, wo nicht die Adventszeit, sondern die «heilige Fussball-WM» als die besinnlichste Zeit des Jahres angesehen wird und das Leben sich zwischen leer herumstehenden Bierflaschen, schmutzigem Geschirr, verschwitzten Sportshirts und vor der Playstation abspielt, dort fühlen Männer sich zu Hause. Nicht so bei Nils Wijngaard und seinen drei WG-Kumpels. Diese vier Studenten beweisen, dass die Ausnahmen die Regeln bestätigen. Doch selbst sie können längst nicht allen Männer- WG-Klischees entfliehen: Ohne kühles Bier im Kühlschrank und klassische Fussballabende geht es auch bei ihnen nicht. Eine tief in ihrem Alltag verankerte Gewohnheit ist das gemeinsame Kochen. Jeden Abend wird nach der Uni zusammen eingekauft und pro Wochentag schmeisst ein Roomie die Kochkelle. Das sei immer eine spassige Angelegenheit und das «Gemütlich zusammen am Tisch sitzen» sei ein guter Ausgleich zum stressigen Alltag. Einen «Saustall» findet man bei den vier vergebens. Man(n) sollte sich ja auch wohl fühlen. Nils hebt eines hervor: Für ihn sei genau diese Lebensweise ein absoluter Männertraum.

Schaut nie zu tief ins Glas

Schaut nie zu tief ins Glas

DIE WEINTRINKER. Unfassbar, aber wahr: Auch an der HSG gibt es Kulturbeflissene. Und Kultur wird besonders in der WG von Keto Schumacher grossgeschrieben. Zusammen mit seinen Mitbewohnern geht er ins Theater, besucht Konzerte oder Ausstellungen in Kunstgalerien. Die WG liegt an hervorragender Lage, nämlich direkt neben dem Campus. Vom Esszimmer sieht man hinab auf die Gatterstrasse. An der Wand hängen Kunstwerke, antiquierte Kameras sind ausgestellt und auf dem Küchenregal stehen verschiedenste Sorten Whiskey. «Normalerweise ist es bei uns sehr aufgeräumt», sagt Keto. «Aber die Startwoche war sehr intensiv.» Auch setzt er zusammen mit seinen Mitbewohnern auf eine gesunde Ernährungsweise und einen ökologischen Lebensstil. Auch wenn alle drei stark im Vereinswesen der HSG engagiert sind, finden sie in der Regel einen Abend in der Woche, an dem sie gemeinsam kochen und bei Kerzenschein einen guten Wein geniessen. Das ist ihre Definition von Dolce Vita.

Vater und Tochter vereint

Vater und Tochter vereint

DIE AUSSERGEWÖHNLICHE. Tamara Bürkli ist eine der Frischlinge an der HSG und wohnt seit wenigen Wochen in einer eher ungewöhnlichen Kombination. Ihr Mitbewohner und sie kennen einander seit ihrer Kindheit, können bereits einige schöne Anekdoten aus ihrem gemeinsamen Leben erzählen und trotzdem ist alles ganz neu. Das sind Tamara und ihr Vater. Nachdem «Tam» ein Jahr in Kanada war, entschieden die beiden, zusammen nach St. Gallen in eine 31⁄2-Zimmer-Wohnung zu ziehen. Sie sei diese Woche bereits einige Male von ihren Mitstudenten dazu befragt worden, und sie kann nur immer wieder betonen: «Es ist nicht so wie ihr es euch denkt!» Bevor sie entschieden haben, eine WG zu gründen, wurden bereits einige Regeln aufgestellt. Sie schmeissen zusammen den Haushalt, keiner muss dem anderen hinterher räumen, und gekocht wird von dem, der Zeit hat. Das Fazit nach nun fast drei Wochen fällt mehr als positiv aus: Tamara schätzt das Leben mit ihrem Vater sehr. Gerade jetzt, weil alles sehr neu ist – Studienbeginn, neue Stadt, neue Freunde –, ist sie froh, trotzdem ein wenig Heimat im Gepäck dabei zu haben. Aber trotzdem: Er hat sein Leben, sie ihres. Er arbeitet, sie studiert. Er geniesst einen gemütlichen Abend zu Hause, sie geht feiern. Zwei unterschiedliche Leben, vereint unter einem Dach. Tamara und ihr Vater – zwei richtige WG-Kumpels.

Jenny allein zu Hause

Jenny allein zu Hause

DIE EINER-WG. Manche geraten schon beim Gedanken ans Alleinsein in Schweissausbrüche. Für Jenny Sark ist das alleine wohnen bis jetzt aber kein Problem. Seit rund einer Woche lebt sie nun schon in einer 25 Quadratmeter grossen Wohnung im Neudorf. Das Wohnzimmer, die Küche, Arbeitszimmer und Schlafzimmer vereint, ist gemütlich eingerichtet. Neben einem grossen Bett steht eine palmenartige Pflanze, leere Kartons sind in der Ecke gestapelt und auf einer kleinen Theke steht die Espressomaschine bereit. Der Grund, wieso Jenny alleine wohnt, ist simpel: Sie kannte noch niemanden, als sie nach St.Gallen zog. Und anstatt mit ihr unbekannten Leuten zusammenzuziehen, die sich vielleicht als Chaoten oder Zicken entpuppen oder ihr sonst irgendwie auf die Nerven gehen könnten, zog sie es vor, vorerst alleine zu wohnen. «Falls sich die Möglichkeit bietet, mit Freunden zusammenzuziehen, werde ich das sicher tun», sagt Jenny. Sie sieht auch andere Vorteile. «Wenn ich am Morgen im Stress bin, muss ich nicht warten, bis das Badezimmer frei ist.» Des Weiteren habe sie in der Lernphase einen Ort, wo sie sich konzentrieren kann und nicht abgelenkt wird. Die Ruhe am Abend, wenn sie von der Uni nach Hause kommt, sei noch etwas gewöhnungsbedürftig. Um dagegen anzukommen, wird sie sich wahrscheinlich einen Fernseher kaufen. Oder sich oft mit Freunden treffen.

Umfrage unter 137 Assessi (Grafik: Tagblatt)

Umfrage unter 137 Assessi (Grafik: Tagblatt)

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