«Bildung ist immer ein Risiko»

Heike Egner Mitglied der vierköpfigen Jury der Startwoche. Bild: Livia Eichenberger

Heike Egner, Mitglied der vierköpfigen Jury
der Startwoche. Bild: Livia Eichenberger

Risiken sind ihr Fachgebiet. Privat ist Heike Egner, Mitglied des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung, aber risikoscheu. Morgen bewertet Egner als Jurymitglied die Präsentationen der Fallstudie. Dem Startblatt verrät sie, worauf es dabei ankommt.

Frau Egner, wie risikofreudig sind Sie?
Heike Egner: In meinem privaten Leben auf einer Skala von eins bis zehn würde ich sagen zwei. Ich gehe bewusst keine Risiken ein. Wenn es allerdings um Veränderungen in meinem Beruf, zum Beispiel im Bundesinstitut für Risikobewertung geht, bin ich sehr risikofreudig. Veränderungen einzugehen ist immer mit dem Risiko verbunden zu scheitern.

Welches ist das grösste Risiko, dass Sie bisher eingegangen sind?
Egner: Einen akademischen Wegeinzuschlagen, war eine meiner mutigsten Entscheidungen. Dieser Weg ist ein Risiko, weil sie heute nicht mehr planen können, ob es klappt. Dass meine Karriere so verlaufen ist, ist nicht auf Planung zurückzuführen, sondern eher Zufall.

Welche sehen Sie momentan als die grössten Risiken?
Egner: Es sind globale Krisen: Der globale Umweltwandel, der unsere Gesellschaft massiv verändern wird. Diese Welle von Kriegsereignissen in ungeahnter Stärke und zuletzt die Instabilität der Finanzmärkte. Wenn der Euro crasht, wofür ein gewisses Risiko besteht, sieht unsere Weltanders aus, auch die Schweiz.

Gibt es ein Risiko, dass nur die Schweiz betrifft?
Egner: Kurzfristig gibt es Themen, die gerade virulent sind, wie zum Beispiel die Migration. Das sind politische Themen, welche sich aber meines Erachtens gesellschaftlich problemlos lösen. Ansonsten kann ich mir kein Risiko vorstellen, welches die Gesellschaft überfordern würde und das nur die Schweiz beträfe. Längerfristig sind es globale Risiken, welche auch Einfluss auf die Schweiz haben werden.

Wie wird ein Risiko als solches wahrgenommen und klassifiziert?
Egner: Es gibt kein Risiko, das einfach so existiert. Wir müssen es erst wahrnehmen. Seit etwa zwanzig Jahren wird alles auf Risiken abgetastet. Untersuchungen basieren aber meist nicht auf Risiko, sondern auf Sicherheit – das halte ich für einen Grundirrtum. Wir sind zu sicherheitsgläubig und erwarten, dass uns irgendwelche Institutionenabsichern. Paradoxerweise ist der Mensch gleichzeitig auch risikofreudig.

Gibt es ein Risiko, dass man als Student unbedingt eingehen muss?
Egner: Bildung ist immer ein Risiko, weil man dabei etwas entdecken könnte, was den eigenen Horizont sprengt. Das eigene Denken muss sich dann verändern, und das ist riskant, weil man nicht weiss, was dabei herauskommt. Ich finde aber, es ist auf jeden Fall wert, dieses Risikoeinzugehen. Auch für politische Systeme kann Bildung ein Risiko sein. In sehr traditionellen Gesellschaften wird Bildung als Bedrohung gesehen, weil sie die Kraft zu Reformideen hat. Bildung ist hochriskant – eine Zehn auf der Skala!

Was braucht es, um Sie morgen an der Abschlussveranstaltung zu überzeugen?
Egner: Risiko und Chance als Thema ist ungeheuer komplex. Wir können nicht wissen, was in der Zukunft passieren wird. Die Studenten sollten Verständnis für diese Komplexität zeigen können und akzeptieren, dass wir nichts wissen. In der Zukunft liegt unglaublich viel Unsicherheit. Risiko ist eine Potenzialität der Zukunft, mehr nicht.

Wenn die Zukunft so unsicher ist, können wir sie also nicht planen.
Egner: Wir wollen Sicherheit erlangen, indem wir versuchen, die Vergangenheit in die Zukunft zu verlängern. Dabei schliessen wir fälschlicherweise von Vergangenem auf Ungewisses. Wir können zwar unser Bestes tun, um für die Zukunft vorbereitet zu sein, aber jede Planung für die Zukunft braucht ein adaptives Element: Es muss bei jedem Schritt möglich sein, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen. Es kann das Leben verändern, wenn man an der eigenen Denkweise arbeitet.

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